02.05.2019

Liberal in der DDR – Ein Zeitzeugengespräch

Am 2. Mai 2019 fand als Kooperationsveranstaltung zwischen dem Freien Campus Leipzig, dem Landesverband Liberaler Hochschulgruppen Sachsen und dem Verband liberaler Akademiker ein Zeitzeugengespräch zum Thema „Liberal in der DDR“ im Rahmen des 30-jährigen Jubiläums der friedlichen Revolution 1989 statt. Eingeladen war Dr. Günter Kröber, Rechtsanwalt während der DDR und 1990 bis 1993 Fraktionsvorsitzender der FDP im Sächsischen Landtag.
Wir unterhielten uns mit ihm über seine Arbeit als Rechtsanwalt und die Schwierigkeiten, die ihm durch die Behörden der DDR dabei begegneten.

Seit seiner Anwaltszulassung 1952 war er vorwiegend Anwalt in Wirtschaftsstrafsachen und politisch motivierter Strafverfahren. Zum ersten Mal wurde Günter Kröber 1955 im Gerichtssaal nach einer Ehescheidungsverhandlung festgenommen, vorgeworfen wurde ihm ein Verstoß gegen das Volkseigentumsgesetz. Die Anklage führte letztlich in Leere und zu einem Freispruch mangels Beweise. Darauf legte Kröber Einspruch beim Obersten Gericht ein und wurde mangels Schuld freigesprochen und als Rechtsanwalt rehabilitiert. Später wurde er wegen Verstoß gegen das Passgesetz zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt und bis zu seiner Rehabilitierung 1990 von der Anwaltschaft ausgeschlossen.

Herr Dr. Kröber berichtete neben seinen eigenen Erfahrungen auch im Detail über ganz bestimmte Schicksale seiner Klienten. Besonders in Erinnerung und auch insoweit bedeutend zum Verständnis der (Un-)Rechtssprechung in der DDR war die Hinrichtung eines Klienten ohne die Kontaktaufnahme zu Herrn Dr. Kröber selbst, der sich noch kurz zuvor mit einem Gesuch beim damaligen Staatspräsidenten Wilhelm Pieck für eine Strafmilderung eingesetzt hatte.
Neben den hier geschilderten Rückblicken konnten die Anwesenden aber auch mit dem Zeitzeugen ins Gespräch kommen. Unter anderem wurden genauere Nachfragen gestellt, insbesondere bezüglich der Konsequenzen nach dem Ausschluss aus der Anwaltschaft. Aber es kam auch zu Diskussionen über tagespolitische Themen, so etwa über die Renaissance des Sozialismus in der medialen Öffentlichkeit nach den Äußerungen des JuSo-Vorsitzenden Kevin Kühnert bezüglich der Kollektivierung privaten Eigentums. Statt auf die Kollektivierung durch den Staat zu setzen, so schlug Dr. Kröber vor, wäre es sinnvoller, in Deutschland längerfristig den Mittelstand zu stärken und die soziale Marktwirtschaft aufzuwerten. Er setzt sich unter anderem deshalb auch für die Aufnahme der sozialen Marktwirtschaft als Grundpfeiler der deutschen Wirtschaft in das Grundgesetz ein.

Wir danken Herrn Dr. Kröber für das aufschluss- und facettenreiche Zeitzeugengespräch und dem Verband Liberaler Akademiker für die Koordination, Terminfindung und Mitorganisation.